Die Arbore — ein Volk in Äthiopien

Über­blick

Die Arbo­re, auch Hor genannt, zäh­len knapp 5.000 Mit­glie­der. Sie leben in einem Tal im ost­afri­ka­ni­schen Gra­ben­bruch Süd­ä­thio­pi­ens nahe der kenia­ni­schen Gren­ze, und etwa 50 km nörd­lich des Ste­fa­nie­sees (Chew Bahir). Ihre Spra­che gehört zur ost­ku­schi­ti­schen Sprach­grup­pe. Sie hal­ten Kühe, Zie­gen und Scha­fe und kul­ti­vie­ren vor­nehm­lich Hir­se und Mais. Es gibt sie­ben Arbo­re-Haupt­sied­lun­gen ent­lang des Flus­ses Woi­to, der sai­so­nal Was­ser führt. Tem­po­rä­re Sied­lun­gen wer­den bei gro­ßer Tro­cken­heit nahe den Wei­de­grün­den am Fuße der Bora­na-Ber­ge im Osten und der Hamar-Ber­ge im Wes­ten ein­ge­rich­tet. In Arbo­re gibt es nor­ma­ler­wei­se zwei Regen­zei­ten, von März bis Mai und von Okto­ber bis Novem­ber.

Land­wirt­schaft

Die Land­wirt­schaft der Arbo­re ist geprägt durch eine Kom­bi­na­ti­on von Schwemm­land­bau, Regen­feld­bau und Bewäs­se­rungs­feld­bau. Das Bewäs­se­rungs­sys­tem der Arbo­re, kom­bi­niert mit einer genau­en Kennt­nis von etwa 130 Hir­se­sor­ten, ermög­licht einen fle­xi­blen Umgang mit wech­seln­den kli­ma­ti­schen Ver­hält­nis­sen. So wer­den bei spät ein­set­zen­den Regen Hir­se­ar­ten mit kür­ze­rer Rei­fungs­zeit gesät, so dass in Arbo­re tra­di­tio­nell auch in Zei­ten der Dür­re Ern­ten mög­lich waren. Die­se Ern­ten kamen bis­her auch den benach­bar­ten Grup­pen in höher gele­ge­nen Gebie­ten zugu­te, die für die Bestel­lung ihrer Fel­der aus­schließ­lich auf Regen­fäl­le ange­wie­sen sind. Arbo­re kann zu Recht als ehe­ma­li­ge Korn­kam­mer des Gebie­tes bezeich­net wer­den.

Vieh­wirt­schaft

Die Vieh­wirt­schaft ist geprägt durch sai­so­na­le Wan­de­rung der Vieh­hir­ten und –hir­tin­nen, hin zu Was­ser und Wei­de­flä­chen. Beson­ders die jugend­li­chen Arbo­re leben oft in tem­po­rä­ren Rin­der­camps weit ent­fernt von den per­ma­nen­ten Dör­fern, wo sie die Ver­ant­wor­tung für das Vieh tra­gen, wel­ches das kost­bars­te Gut der Fami­li­en dar­stellt. Dort erler­nen sie wich­ti­ges vete­ri­nä­res Spe­zi­al­wis­sen. Die Milch der Tie­re ist ein Grund­nah­rungs­mit­tel aller Arbo­re. Zie­gen- und Schaf­fleisch wird zu Ritua­len und zur För­de­rung von Gene­sung geges­sen, z.B. von jun­gen Müt­tern und Kran­ken. Rin­der wer­den nur sel­ten geschlach­tet. Wich­tig ist ihre Funk­ti­on als Tausch­ka­pi­tal für Not­zei­ten; sie spie­len aber auch eine zen­tra­le Rol­le im ritu­el­len Leben der Arbo­re.

Die Situa­ti­on im neu­en Jahr­tau­send

In der Ver­gan­gen­heit gab es in Arbo­re immer wie­der Zei­ten der Dür­re und aty­pi­sche Über­schwem­mun­gen, die zu Nah­rungs­mit­tel­knapp­heit führ­ten. Die Arbo­re wur­den trotz­dem kei­ne gewohn­heits­mä­ßi­gen Hil­fe­emp­fän­ger, weil Zei­ten des Hun­gers mit regio­na­len Han­dels- und Tau­sch­netz­wer­ken über­brückt wer­den konn­ten.
Seit dem Jah­re 2003 jedoch haben sich die Ver­hält­nis­se dras­tisch geän­dert. Immer wie­der zer­stö­ren star­ke Über­schwem­mun­gen außer­halb der gewohn­ten Hoch­was­ser­mo­na­te die Ern­ten.

Die Arbo­re, die nor­ma­ler­wei­se zwei­mal im Jahr aus­sä­en, ver­su­chen trotz­dem immer wie­der noch Ern­ten zu erzie­len. Das heißt, dass nach jeder durch Hoch­was­ser ver­lo­re­nen Ern­te die Fel­der mit gro­ßem Auf­wand neu mit Grab­stö­cken gero­det und umge­bro­chen wer­den. Es wird wie­der neu gesät, in der Hoff­nung, dass die Pflan­zen vor der nächs­ten Über­schwem­mung rei­fen könn­ten. In den Jah­ren 2003, 2006, 2007 und nun wie­der in 2008 gab es aller­dings Über­schwem­mun­gen mit­ten in den Rei­fe­pe­ri­oden zwi­schen Juli und Sep­tem­ber. Das Jahr 2007 spe­zi­ell brach­te eine Jahr­hun­dert­flut für gro­ße Tei­le Afri­kas. Gan­zen Dör­fern schnit­ten die Flu­ten den Zugang ab. Auch tau­sen­de Arbo­re muss­ten mit Boo­ten und Hub­schrau­bern eva­ku­iert und umge­sie­delt wer­den. Die Ursa­chen die­ser Flu­ten sind außer­halb von Arbo­re zu suchen; die Bewoh­ner des Tals wer­den sich an die­se kata­stro­pha­len Ver­än­de­run­gen in ihrem land­wirt­schaft­li­chen Kalen­der anpas­sen müs­sen.

Die neu­es­ten Mel­dun­gen aus Arbo­re bestä­ti­gen eine mas­si­ve Flut für den Monat Sep­tem­ber 2008. Erneut zer­stör­te das Was­ser das gesam­te her­an­rei­fen­de Getrei­de, und erneut muss­ten die Bewoh­ner eines Dor­fes eva­ku­iert und umge­sie­delt wer­den.

Die Bemü­hun­gen der Arbo­re sind uner­müd­lich. Lie­fe­run­gen von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen und der Regie­rung sind unzu­ver­läs­sig und durch feh­len­de Infor­ma­tio­nen über regio­na­le Bedürf­nis­se oft unge­recht ver­teilt, lan­den am fal­schen Ort, oder sind voll­stän­dig ver­fehlt: so wer­den Ther­mos­kan­nen und Plas­tik­ge­schirr ver­teilt, wofür gar kein Bedarf besteht.

Ein zuneh­mend bri­san­tes Pro­blem ist, dass in die­sen Hun­ger­zei­ten das wert­vol­le Vieh zu ungüns­ti­gen Bedin­gun­gen gegen Getrei­de ein­ge­tauscht wird. Auf die­se Wei­se haben man­che Fami­li­en aus der Not ihre gesam­ten Her­den ein­ge­büßt. Die Infla­ti­on der Getrei­de­prei­se ist aber kaum zu kom­pen­sie­ren. Noch 2003 kos­te­te ein 100kg Sack Mais 100 äthio­pi­sche Birr, das sind ca. 8 €. In die­sem Jah­re aller­dings kos­tet die­sel­be Men­ge 600 bis 700 Birr. Die Arbo­re haben als Sub­sis­tenz­wirt­schaf­ter kein wei­te­res Ein­kom­men, das hier hel­fen könn­te. Die Prei­se für Vieh sind zwar eben­falls gestie­gen, aber bei hoher Getrei­de­nach­fra­ge fal­len die Tausch­kur­se zum Nach­teil der Getrei­de­käu­fer. Zusätz­lich haben in den letz­ten 10 Jah­ren epi­de­mi­sche Krank­hei­ten die Rin­der-, Schaf- und Zie­gen­her­den deut­lich dezi­miert. Beson­ders jun­ge Fami­li­en haben seit­dem oft­mals kei­ne Mög­lich­keit, über­haupt eine eige­ne Her­de unab­hän­gig von ihren Eltern auf­zu­bau­en.
Grün­de dafür sind sicher­lich unter ande­rem die fal­sche Anwen­dung von Medi­ka­men­ten, vor allem von Anti­bio­ti­ka, die fahr­läs­sig von flie­gen­den Händ­lern ver­kauft wer­den.

Trotz all die­ser Wid­rig­kei­ten arbei­ten die Arbo­re wei­ter­hin uner­müd­lich auf ihren Fel­dern und am Auf­bau ihrer Her­den. Es wer­den neue, geschütz­te­re Berei­che gero­det. Das gesam­te ver­füg­ba­re Wis­sen wird auf­ge­wen­det, um doch wie­der Ern­ten zu ermög­li­chen. Schon im Jah­re 2004 wur­de von einer Frau­en­ko­ope­ra­ti­ve ein neu­es Feld­bau­pro­jekt auf einem höher gele­ge­nen Pla­teau auf­ge­baut, damals mit dem Haupt­ziel, die man­gel­haf­te Vit­amin­ver­sor­gung zu ver­bes­sern. Sie bau­ten im Feld­ver­such erfolg­reich ver­schie­de­ne Gemü­se an. Die Initia­ti­ve wur­de zu Beginn aus einem Fond in Deutsch­land (Hilfs­fond für Pro­jek­te der nach­hal­ti­gen Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit in Süd Omo am SFB 295 Uni­ver­si­tät Mainz) und der „žNicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on“ Farm Afri­ka mit Saat­gut und einer Was­ser­pum­pe unter­stützt und trug sich nach kur­zer Zeit sel­ber. In den Jah­ren 2004, 2005 und 2006 gab es erfolg­rei­che Ern­ten und die Über­schüs­se konn­ten sogar auf den loka­len Märk­ten ver­kauft wer­den.

Die mas­si­ve Flut vom Juli 2007 rich­te­te mas­si­ve Zer­stö­run­gen in den Fel­dern der Koope­ra­ti­ve an.

Nach Rück­gang des Was­sers wur­den auch die­ses Land wie­der neu gero­det und bestellt.
Durch die höhe­re Lage ist hier die Gefahr durch Über­schwem­mun­gen weit­aus gerin­ger als an den Fluss­ufe­run­gen. Auch ande­re Arbo­re inter­es­sie­ren sich nun für die­se viel­ver­spre­chen­de Anbau­wei­se. Die klei­ne Was­ser­pum­pe, die im Jah­re 2004 ange­schafft wur­de, kann aber die Bewäs­se­rung einer grö­ße­ren Flä­che nicht leis­ten. Dar­um ist zur Unter­stüt­zung der Initia­ti­ve ein Pro­jekt­ent­wurf von den Men­schen aus Arbo­re ent­wi­ckelt wor­den. Die­ses Pro­jekt soll lang­fris­tig aus­ge­baut wer­den; hier stel­len wir es kurz vor:

Mehr über das Pro­jekt